Wer die meiste Zeit in seinen sicheren vier Wänden einen virtuellen Screen anstarrt, vergisst, wie lange sich ein Tag anfühlen kann. 24 Stunden in Berlin entsprechen einem sturen Ablauf von Schlafen, Computer, Smartphone, Essen, Computer, Smartphone, Fernsehen, Schlafen; fühlt sich an wie 10 Stunden im Zeitraffer, lässt sich alles in einem praktischen Vorspann des Lebens unter “was bisher geschah” einkategorisieren und vergessen. 24 Stunden in Südtirol hingegen können folgende Dinge enthalten: einen Sprung vom Berg, eine Seilbahnfahrt mit ungekannten Explosionen der Höhenangst, eine Seilbahnfahrt in einer Frei.Wild-Gondel die jegliche Höhenangst dank nerviger Musikbeschallung (von FREI.WILD) nullt und mich zum wütendsten Menschen auf dem Berg macht, eine Mountainbikestrecke (Luftlinie 40 Meter) für die man 7 Stunden braucht, ein kleiner Würgereiz vor Anstrengung (gefühlte Steigung: 99%), plötzlicher Hagel bei 30 Grad und Sonnenschein, kleine Insekten die sich in der Medusa-Frisur versteckt haben, Kühe, die nicht mit einem spielen wollen, eine Katharsis die von einer Berghütte am schönsten Ort der Region ausgelöst wird.

Mit dem Mountainbike in der Frei.Wild Gondel.
Kühe. Ja, ich musste kreischen.
Ein eiskalter Bergsee. Ich war zu feige für ‘ne Abkühlung.
Perspektive von oben: hallo, ich bin gleich tot.

Ich habe mich noch nicht vor Erschöpfung erbrochen. ERFOLG!

Die Schatzerhütte auf der Plose (Brixen) müsste sich wahrscheinlich gar nicht die viel Mühe machen um wie ein prachtvolles Schloss zu wirken. Die Hütte war eine Fatamorgana in der Wüste für mich: ist sie real? Sind wir schon da? Steh ich vor Gott?

Wer, wie wir, irgendwie die falsche Mountainbike-Route gewählt hat (aufwärts schieben oder sterben, abwärts mit 50 km/h über tödliche Felsbrocken), in der Hitze dem Berg Demut zeigen muss und dann auch noch in ein plötzliches Gewitter mit fetten Hagelkörnern im Nacken endet, der freut sich auch über ‘ne Nagelpritsche und ‘n Lagerfeuer aus der Mülltonne. Glücklicherweise kennt die Schatzerhütte die Anstrengungen ihrer wandernden/gefolterten Gäste und hat sich einen sehr hohen Anspruch auf die Karte geschrieben. Gemütlichkeit, Herrlichkeit, und das Essen… Leute, das ESSEN! (ja, ganz recht: FETT, KURSIV UND UNTERSTRICHEN!)

Die Schatzerhütte. Wahnsinnsteil.

Bungalows der Schatzerhütte

Alles ist selbstgemacht und in seiner Simplizität perfekt. Der frische Kaffee am Morgen, der besser schmeckt als jeder stundenlang professionell konstruierte Boutique-Café Flat White in Kreuzberg; die eigens hergestellte Marmelade auf dem gerade erst im Ofen gebackenen Brot; das einfache, rustikale Abendessen – Spinat, Kartoffeln, Rinderbraten -, welches köstlicher mundet als die Nuklear-Michelinküche, die man hin und wieder mal bei diesen typischen Vox-Specials dokumentiert sieht. Ich weiß nicht, ob ich mir die letzte Gehirnzelle auf dem Weg da hin einfach totgeschwitzt habe oder die Bergluft so wirkt wie eine extrem illegale Pille, aber es war ein nahezu perfektes kulinarisches Erlebnis nach der körperlichen Grenzerfahrung zu Abend zu essen.

Noch schöner: weil auch für den Besitzer der Hütte der Weg von oben nach unten und zurück ein bisschen lästig ist (WHO WOULDA THUNK IT!), wird so gut wie alles frisch angebaut. Was da ist – was also gerade reif ist – wird gegessen. Die Schatzerhütte macht den Traum aller urbanen Öko-Hipster wahr, außer dass sie eben nicht besonders urban ist. Nicht du wählst dein Essen- das Essen wählt dich. Es schmeckt nach Luft und als hätte Jesus höchstpersönlich das Fleisch gesegnet. Blasphemie? Versucht mal auf den Berg zu steigen und nicht kurz an allem zu Zweifeln, was ihr kennt.

Raum, sein Grün anzubauen und seine Tiere groß zu ziehen – schon verändert sich eine grundlegende Einstellung zur Nahrungsaufnahme. Fairerweise muss man sagen dass man mich gegen Ende auch gut und gerne mit einem ungereinigten Fettschlauch hätte ernähren können. Meine zufriedene Ausgeglichenheit konnte mir nach der brutalen Radtour wirklich keiner mehr nehmen.

Der Höhepunkt des Ganzen war schließlich das Spektakel am Horizont in der Nacht. Hinter den gegenüberliegenden Bergkämmen fing ein Gewitter von sakrosanten Ausmaßen an zu wüten. Wir beobachteten das ganze aus sicherer und trockener Entfernung (und scheiterten an den Langzeitbelichtungsaufnahmen). Der Himmel leuchtet in Regaybogenfarben und hypnotisierte uns wie Biggie Smallz.

Irgendwann zog es uns doch noch in die gemütliche Berghütte. Wegen des tosenden Gewitters, das in den frühen Morgenstunden zu uns herüberzog, wachte ich einige Male nachts auf – nur um den riesigen Mond im Fenster stehen zu haben. Ein Vollmond so groß wie die Sonne… diese sich auswirkenden Gefühlsexplosionen im Halbschlaf anderen Leuten mit Worten vermitteln zu wollen ist jetzt ein genauso unmögliches Unterfangen wie den Geschmack von Mountain Dew zu erklären. Man muss dort einfach hin, selbst wenn der Preis – 20 Minuten Frei.Wild-Musik in der Seilbahn und Verlust jeglicher Contenance beim Anblick von wilden Kühen – sehr hoch sein sollte.

Am nächsten Morgen mussten wir dann praktischerweise nur noch den Berg runterfahren. What goes up, must come down. Wobei “fahren” hier nicht das richtige Wort ist. “Fahren” impliziert irgendwie eine gewisse Kontrolle über Geschwindigkeit und Weg. Kontrolle jedoch hatte ich bereits am Vortag mit zwei Mittelfingern in die Luft gestreckt abgegeben. Mir wurde jeglicher Stolz beim Kriechen über den Bergweg genommen, also ließ ich mich ganz auf den nahenden Tod ein und bremste einfach nicht mehr bis ich unten angekommen war. Das Ergebnis: einige blaue Flecken (wertvolle Souvenirs) und den dringenden Wunsch, Mountainbikes sinnlos zu zerstören. Ach so, und Liebe für Bergluft und Ausblicke und Höhen und Südtirol. MAN KANN EINFACH AUS BERGBÄCHERN TRINKEN, LEUTE. MAN KANN KÜHE STREICHELN. MAN KANN SICH AUF DIE WIESE LEGEN UND MIT HASEN KUSCHELN UND MONSTERSONNENUNTERGÄNGE BEOBACHTEN UND IM REGEN STEHEN UND ALLES VERGESSEN.

Der morgentliche Ausblick. Geht mir gut rein.
Sogar das kulinarische Fest hat einen schönen Ausblick

Eine Wiese, die den Namen verdient hat
Mein neuer Lieblingssport: Blumensträusse pflücken.
Psychotherapie für den Menschen, Tierquälerei für den Hasen

Mein Urlaubsprinzip war bisher immer mit einer gewissen Form der Bewegung verbunden. Bloß nicht zu lange an einem Ort verweilen, keine Kompromisse beim Stillstand machen. Selten habe ich an einem Tag so wenig Strecke hinter mir gelassen und doch so viel erlebt, tatsächlich erlebt, ohne jegliche mediale Einflüsse oder Ablenkungen. Die Kraftakte sind es wert, die Erschöpfung dankbar. Man kommt wirklich in so eine verschobene Zeitdimension in welcher sich eine Minute anfühlt wie tausend Jahre, einfach nur weil die Augen Dinge sehen, sehen, nicht nur wieder erkennen und abhaken, die Sinne (und zugegeben, im Falle von Fatty McFat, auch jedes Körperteil) spüren regelrecht die Anwesenheit all der unberührten Schönheit und die Abwesenheit der Alltäglichkeiten. Eigentlich braucht es dafür nicht viel außer eben den Plan, Zeit Zeit sein zu lassen. Man kann ja auch nicht wirklich darüber reflektieren, wenn man gerade mit minus 12 km/h versucht sein Mountainbike den Berg hoch zu treten. Und das ist auch gut so.

Schatzerhütte
39040 Afers
Italien
Anfragen und Buchungen unter:
Tel. 0039 0472 521 343

Diesmal abwärts!
Resultate.

Verschnaufpause nach dem Hagel. Hier ist ein Blumentopf.

9 thoughts on “Schatzerhütte auf der Plose”

  1. Boah, ich kann gar nicht mit Worten ausdrücken wie neidisch ich bin. Darauf hätte ich auch mal riesen Lust. Geile Aussicht und einfach mal sein Leben leben. Nice.

  2. Solltest du auch machen. Ich sag dir was: für’s Essen alleine lohnt es sich schon. Den Schnickschnack mit Ausblick und die ganzen wild herumlaufenden Kühe sind quasi nur das Sahnehäubchen.

  3. Den Zusammenhang der körperlichen Aktivität vor dem Essen und dem Genuss des Essen selbst, kann man gar nicht überschätzen.

  4. Wie die Kommentare mir aus der Seele sprechen! Ich will da auch hin!!! Inklusive Essen, körperlicher Aktivität und allen Sahnehäubchen!

  5. Das löst bei mir totales Fernweh aus.
    Die Fotos sind einfach wunderbar und der See und die Hütte.. ach weiß nicht.. alles sieht so schön aus und ich liebe die Alpen. Südtirol ist super und ich bereue es, dass ich auf dem Weg zum Gardasee nicht aus dem Zug ausgestiegen bin um ein wenig dort die Gegend zu erkunden.

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